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Script zu Rückert-Gesprächskonzert

(Heppenheim am 5.2.1999)

Gliederung:

 

Begrüßung:

Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserem heutigen Abend, dem wir dem Dichter Friedrich Rückert gewidmet haben.

Seien Sie unbesorgt: Sie werden heute weder einen germanistischen, noch einen musikwissenschaftlichen Vortrag mit ein paar Musikbeispielen hören, sondern werden mehr einen Liederabend erleben, bei dem ich hie und da ein paar Informationen einstreuen werde zu Dingen, die vielleicht wichtig für das Verständnis der Lieder sind, oder die uns einfach kurios erschienen und somit auch mitteilenswert sind. Auf jeden Fall werden alle Wortbeiträge heute Abend aus der Sicht des Interpreten geschehen und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. (Was, nebenbei gesagt, bei einem so ausufernden Thema, wie Friedrich Rückert an einem Abend auch überhaupt nicht möglich wäre)

Erste Moderation:

Zu der ersten Gruppe, die Sie gerade gehört haben läßt sich insofern wenig sagen, als daß sie ein paar der bekanntesten Lieder von Schubert versammelt und daß sie auch sämtliche Rückert-Lieder von Schubert vereinigt, die Schubert alle in den Jahren 1822/23 schrieb (Sei mir gegrüßt als erstes 1822 = kurz nach dem Erscheinen der Gedichte) und die alle aus der ersten bedeutenden Gedichtsammlung Rückerts, den Östlichen Rosen, stammen.

Das zeigt, wie aktuell Schubert in der Auswahl seiner Texte war (und literarisch absolut auf der Höhe der Zeit) und wie er eben alles komponierte, was in ihm eine Saite zum klingen brachte. Sicher hat er sich nicht auf Goethes Empfehlung der Östlichen Rosen berufen, dessen "Konkurrenzprodukt", der West-östliche Divan, kurz vor Rückert veröffentlicht worden war und vor dem sich Rückert in einer Widmung zu Beginn der Östlichen Rosen auch literarisch verbeugt.

Die Empfehlung Goethes will ich Ihnen nicht vorenthalten: So schreibt Goethe in einer Anzeige in seiner Zeitung "Über Kunst und Altertum":

Und so kann ich denn Rückerts oben bezeichnete Lieder allen Musikern empfehlen; aus diesem Büchlein, zu rechter Zeit aufgeschlagen, wird ihnen gewiß manche Rose, Narzisse und was sonst sich hinzugesellt, entgegenduften;...

Zu den Östlichen Rosen möchte ich nur so viel sagen, daß es sich hierbei um Nachdichtungen aus dem Persischen handelt.

Persisch war nur eine von ca. 40 Sprachen, die Rückert beherrscht hat. Dazu kamen Sprachen wie, Arabisch, Syrisch, Äthiopisch, Sanskrit (das er in nur drei Monaten in Wien bei dem damals führenden Orientalisten Hammer-Purgstall erlernt hat),Türkisch, Finnisch, etc. Rückert wurde schnell selbst einer der führenden Orientalisten und hatte zeitweise mehrere Lehrstühle inne.

Die Östlichen Rosen waren, nebenbei gesagt, übrigens ein weitaus größerer kommerzieller Erfolg, als Goethes West-östlicher Divan und so war, als Goethes erste Auflage vergriffen war, von Rückerts Nachdichtungen bereits die sechste Auflage im Druck erschienen.

Was uns als Musikern interessant erschien, war, daß wir in Sei mir gegrüßt ein Thema wiedererkannten, das Schubert für den Variationsteil in seiner Fantasie für Violine und Klavier in C-Dur weiterverwendet hat, wie er es ja auch beispielsweise mit der Wandererfantasie, beim Streichquartett "Der Tod und das Mädchen", oder bei den Variationen über "Trockne Blumen" für Flöte und Klavier mit den entsprechenden Liedern getan hat. (Musikbeispiel)

Vorstellung Loewe:

Carl Loewe, geb.1796 und somit ein Jahr älter als Schubert, war auch Zeitgenosse von Robert Schumann, den er um 13 Jahre überlebte. Er wird ja gerne ausschließlich mit seinen Balladen identifiziert und deshalb oft als reiner Balladenkomponist bezeichnet. Daß er neben den Balladen außerdem auch noch zahlreiche Lieder, Oratorien, Opern und Kammermusik geschrieben hat ist den meisten Hörern heutzutage in der Regel nicht bekannt.

So füllen seine Lieder ,zusammen mit den Balladen und Legenden, 17 Bände in der Dicke der sieben Schubert-Bände. Daß zwei Bände allein mit Goethe-Vertonungen gefüllt sind, macht ihn zu einem der wichtigen Goethe-Komponisten, was sich aber merkwürdigerweise noch nicht im Konzertrepertoire niedergeschlagen hat. Das hat auf jeden Fall in den nächsten Jahren zu geschehen, da in dem Loeweschen Oevre noch einige Perlen schlummern.

Eine der ganz großen Stärken Loewes liegt, neben seinem Gespür für Dramatik, in einem ganz vorzüglichen Sinn für Humor. Um eben diese Seite auch in Rückerts Werk aufzuzeigen, habe ich die folgenden Lieder ausgesucht, die eigentlich schon für sich sprechen und eine Lanze für den Liedkomponisten Carl Loewe brechen.

Die Vertonung vom Kleinen Haushalt kannte Rückert übrigens und er ließ Loewe in einem Brief wissen, daß er sie ganz besonders schätzte.

Gruppe 2:

 

-PAUSE-

 

Moderation:

Herzlich willkommen in der zweiten Hälfte. Ich möchte, nachdem sie sich nun etwas in die Sprache Rückerts eingehört haben, kurz auf den Dichter selbst eingehen.

Friedrich Rückert:

1888 in Schweinfurt geboren, blieb er sein ganzes Leben dem Frankenland verbunden und starb nach einem langen Leben, mit Aufenthalten in Erlangen und Berlin, wo er jeweils eine Professur für Orientalistik innehatte, auf seinem Landsitz in Neuses, bei Coburg in Franken.

Sein Aussehen, beschrieben von Atterbom:

"Eine vollkommene Riesengestalt, altdeutsche Tracht, langer Schnurrbart, dunkles Haar, das in langen, dichten Locken auf die breiten Achseln fällt, die Augenbrauen finster zusammengezogen, die Augen gedankenvoll, bald kindlich milde, bald kriegerisch blitzend."

In der Gunst der Komponisten nimmt er nach Goethe und Heine den dritten Platz, gemessen an der Häufigkeit der Vertonungen, ein.

Auffallend ist, daß in der Sekundärliteratur, die sich mit Versmaßen und mit sprachlichen Feinheiten beschäftigt, fast immer zwingend der Name Rückert fällt.

Sein Formempfinden war so vollendet, daß man sagen kann, daß er sich im Versen beinahe besser ausdrücken konnte, als in Prosa! Diese Meisterschaft in der Form führte zu einer, sein ganzes Leben fortdauernden, enormen Produktivität (z.Bsp. 73 Gedichte allein im Nov.1833!), aber auch zu den Anfeindungen, Rückert wisse nicht seinen "Papierkorb" zu benützen und überdies sei seine Dichtung "Gelehrtendichtung", da seine formale Verspieltheit für den gewöhnlichen Leser zu anspruchsvoll sei und sich nie in das literarische Allgemeingut einfügen werde, ja, dies auch gar nicht wolle und so Ausdruck von einer gelehrten Herablassung sei. Daß dies nicht zutrifft, haben wir vorhin bei Carl Loewe gehört. Man kann sich über die Hinkenden Jamben amüsieren, auch ohne vielleicht bemerkt zu haben, daß nicht nur das Liebchen, sondern auch das Versmaß (ein alter griechischer Hinkjambus) "gehinkt" hat:

Ein Liebchen hat ich, das auf einem Aug´ schielte

Weil sie mir schön schien, schien ihr Schielen auch Schönheit.

etc.

Wenn man sein Werk grob durchgehen möchte, so finden sich dort u.a. patriotische Gedichte (Geharnischte Sonette) unter dem Pseudonym Freimund Reimar, Nachdichtungen aus den verschiedensten Sprachen (Östlich Rosen, Ghaseln des Dschallaledin,etc.), Liebesdichtung und Gedichte über Alltägliches (Liebesfrühling), Philosophische Dichtung(Die Weisheiten des Bramahnen) und natürlich die Kindertotenlieder. Natürlich gibt es da im Einzelnen noch viel mehr, das man auflisten müßte, doch das würde einmal wieder zu weit führen.

Einleitung Schumann:

Als Robert Schumann sich zu seinem Liederjahr (1840) anschickte, fiel dem frisch Vermählten Rückerts Liebesfrühling in die Hand, den Rückert selbst im Jahr seiner Hochzeit geschrieben hatte. Er machte seiner Braut, Clara Wieck, seine Vertonungen der Rückertschen Texte zum Hochzeitsgeschenk und sie komponierte ihrerseits die entsprechenden Antwortlieder, was dann zusammengesetzt das Op.37 ergibt aus dem heute zwei Lieder erklingen werden.

Musikbeispiele Schumann:

Was bei den Schumann-Liedern eventuell von Interesse ist, sind seine allzeit beliebten Zitate, die er gerne als Botschaft für den Musikkenner oder, in dem Fall, für Clara hinterließ. So erkennen sie gleich im Lied Widmung, das man als eine direkte Ansprache an seine Braut ansehen kann, ganz deutlich im Nachspiel das Zitat vom Schubertschen Ave Maria und im zweiten Lied einen Anklang an Caro mio ben von Giordano, daß Schumann mit ziemlicher Sicherheit kannte.(Beispiele)

 

Gruppe 3:

 

Als Rückert die Vertonungen zu Gehör bekam, war er sehr bewegt und antwortete den Schumanns mit folgendem Gedicht:

An Robert und Clara Schumann in Leipzig

Lang ist´s, lang,

Seit ich meinen Liebesfrühling sang;

Aus Herzensdrang,

Wie er entsprang,

Verklang in Einsamkeit der Klang

Zwanzig Jahr

Wurden´s, da hörte ich hier und dar

Der Vogelschar

Einen, der klar

Pfiff einen Ton, der dorther war.

Und nun gar

Kommt im einundzwanzigsten Jahr

Ein Vogelpaar,

Macht erst mir klar,

Daß nicht ein Ton verloren war.

Meine Lieder singt ihr wieder,

Mein Empfinden

Klingt ihr wieder,

Mein Gefühl

Beschwingt ihr wieder,

Meinen Frühling

Bringt ihr wieder,

Mich, wie schön,

Verjüngt ihr wieder;

Nehmt meinen Dank, wenn euch die Welt,

Wie mir einst, ihren vorenthält!

(Und werdet ihr den Dank erlangen,

So hab ich meinen mit empfangen)

Moderation Mahler:

Wir beschließen den Abend nun mit Mahlers Kindertotenliedern. Mahler schrieb diese Lieder in den Jahren 1901-05, offensichtlich tief berührt von der Lektüre dieser Gedichte, die Rückert nach dem überraschenden Tod seiner beiden jüngsten Kinder in den ersten Monaten des Jahres 1834 verfasste.

Luise, Rückerts dreijährige Tochter verstarb am 31. Dezember 1833 an Scharlach und nur zwei Wochen später wurde der fünfjährige Ernst von der selben Krankheit dahingerafft. Die restlichen drei Kinder erkrankten ebenfalls lebensgefährlich, überlebten die Krankheit jedoch.

In den insgesamt 428 Gedichten, die Hans Wollschläger, der Herausgeber der ersten kompletten Ausgabe, als die "vielleicht gewaltigste Todesanzeige der Weltdichtung" bezeichnet, "...versuchte er unter Aufbietung aller dichterischen Kraft seine Trauer und seine Untröstlichkeit über den Verlust schreibend zu bewältigen."

Zunächst plante er die Gedichte zu veröffentlichen, wenn vielleicht auch nur im kleinen Kreis, doch verwarf er den Plan bald und so wurden die Gedichte, in einer Auswahl, erst posthum veröffentlicht.

Ein Beleg dafür, daß er mit dem Gedanken spielte, die Lieder zu veröffentlichen mag das Vorwort sein, das da lautet:

Ihr, denen, was mein Haus von stillem Glücke

Umfaßte, stand in meinen Liedern offen!

Theilnemend an so unscheinbaren Stoffen,

Die nicht vertragen, daß viel Kunst sie schmücke;

Nehmt eure Teilnahm` itzt auch nicht zurücke

Und laßt für Beifallslächeln Thränen hoffen,

Beim Schicksalsschlag, der so das Haus getroffen,

Daß alles Glas der Freude gieng in Stücke!

Vielleicht verschlöß` ich besser solche Klänge;

Und wahrlich nicht mit Lorbeer zu umweben

Denk` ich die Stirn durch klagende Gesänge.

Doch wenn ich sähe meine Lieben leben

In fremden Munde, dieses Schaugepränge

Könnt` ein`gen Trost für ihren Tod mir geben.

Mahlers Frau, Alma, empfand die Vertonung dieser Gedichte als eine Herausforderung des Schicksals und war entschieden gegen ihre Komposition. Daß Mahlers eigene erstgeborene Tochter drei Jahre nach Vollendung der Kindertotenlieder sterben würde, konnte er natürlich nicht wissen, jedoch wurde später oft behauptet, er habe mit der Komposition das Schicksal der Tochter vorausgeahnt. Auf jeden Fall ist Gustav Mahler der Bitte aus dem Vorwort nachgekommen und hat so die beiden "Kleingebliebenen", wie Rückert sie zärtlich nannte, unsterblich gemacht.

© Timothy Sharp, Jan. 1999

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