Don Giovanni-Abend, Hildesheim
Dies ist mein Skript für eine Moderation zum Thema Don Juan für die Hildesheimer Mozart Gesellschaft, die ich im Januar 2000 gehalten habe.
Gliederung:
- Einleitung |
Begrüßung: Guten Abend, meine Damen und Herren. Auch ich möchte Sie im Namen der heute mitwirkenden Künstler begrüßen und wünsche Ihnen viel Vergnügen bei einem hoffentlich unterhaltsamen Programm. Moderation: Der heutige Abend steht ganz unter dem Motto "Don Giovanni und seine Folgen". Vermutlich haben Sie alle sich schon mehr oder weniger mit der Oper Don Giovanni beschäftigt. Da das Stadttheater ja in der kommenden Saison auch plant ebendiesen Don Giovanni herauszubringen will ich der dortigen Dramaturgie auch nichts vorwegnehmen. Auch wird heute nicht ausschließlich Musik aus Don Giovanni erklingen, sondern Stücke im Dunstkreis, oder Stücke, die eine Wesensverwandtschaft mit dem Don Juan aufweisen. Ich habe mir deswegen vorgenommen etwas über die Figur Don Juan zu referieren. Erwarten Sie jedoch im Verlauf keine erschöpfenden Berichte über die Gestalt und seine Entstehung. Das wäre in zwei kurzen Wortblöcken auch gar nicht möglich, aber vielleicht bekommen Sie ja ein paar Denkanstöße, die Sie dazu verleiten mögen, sich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Ich habe im Verlauf meiner kleinen „Feldforschung“ festgestellt, dass das Thema Don Juan recht ausufernd ist, aber ungemein spannend und vielfältig. Da gibt es massenhaft Sekundärliteratur aber auch viel neue originäre Werke, die sich mit der Figur Don Juan in einer Bearbeitung auseinandersetzen. Darauf werde ich aber nachher noch kommen. Was diese ganzen Werke, ob wissenschaftlich oder künstlerisch miteinander gemein haben, ist die Begeisterung für diese vielschichtige Persönlichkeit: Don Juan. Wer ist Don Juan? : Wer ist nun dieser Don Juan Tenorio, der die Kunstwelt seit nunmehr fast 400 Jahren beschäftigt? Erstmalig treffen wir auf diese Figur bei Gabriel Téllez , einem spanischen Mönch, besser bekannt als Tirso de Mollina, der um 1613 das Bühnenstück "El Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra" verfasste, in der Don Juan seinen ersten Auftritt hatte. Dieses Stück war in der Tradition der Kirchenspiele gehalten, einer für 17.Jh. typischen Gattung, die Sonntags nach der Messe besucht wurden, die moralistischen Charakters waren und die in der Regel die Ausschweifungen eines Lästerers oder Wüstlings darstellten. Typischer Ausgang eines solchen Stückes war die Erschlagung des Wüstlings durch einen Blitz. (Il ateista fulminato/ el ateista fulmindo/ l´atheiste foudroyé) Schon in der Urfassung stellt sich Don Juan mit all den Wesenszügen dar, die später für so kontroverse Diskussion geführt haben: Sein ausschweifender verschwenderischer Lebensstil, sein unstillbarer Hunger nach Frauen und sein Spaß an Spiel und Verstellung (der "Burlador"). Dabei eine völlige Ungerührtheit gegenüber seinen Opfern und Mitmenschen - im Original kommt sein bester Freund seinetwegen um und sein Vater grämt sich zu Tode. Beides ohne größere Wirkung auf Don Juan! Auf den großen Erfolg des "Burlador de Sevilla" schickten sich zahlreiche Dichter an, den Stoff zu Bearbeiten. So zum Beispiel Moliére (" Dom Juan ou le festin de Pierre" -1655), Le Tellier ("Le festin de Pierre" -1712 erste Oper), Goldoni ("Don Giovanni Tenorio ossia il Dissuluto" -1736), Gluck (Don Juan Ballett -1761) Rhigini ("Il convitato di pietra ossia il dissoluto" -1776) bis hin zu Giovanni Bertati, der das Libretto zu "Don Giovanni Tenorio o sia il convitato di pietra" (1787) für den Komponisten Giuseppe Gazzaniga verfasst hat. Dieses Libretto bildete nämlich die Grundlage zu Da Pontes Libretto "Il Dissoluto Punito ossia Il Don Giovanni", das ja bekanntlich W.A. Mozart 1787 komponiert und in Prag uraufgeführt hat. Don Juan nach Mozart: Die Oper Mozarts hat nun die folgenden Auseinandersetzungen mit dem Thema Don Juan stärker angespornt als die Urfassung des "Burlador" und ist somit als ein echter Markstein zu betrachten. In den folgenden Jahren beschäftigten sich folgende Autoren mit dem Don Juan: Byron, Balzac, Mérimée, E.T.A. Hoffmann, Grabbe, Puschkin, Lenau, Kierkegaard, Schopenhauer, Shaw, Sternheim oder Max Frisch. Ein jeder sah Don Juan anders und versuchte sein Verhalten erklärbar zu machen. Das geht von Byron, der in Don Juan mehr das Opfer weiblicher Verführung sieht, über Grabbe, der in seinem "Don Juan und Faust" Don Juan als das Gegenüber von Faust darstellt (Faust auf der Suche nach dem Transzendenten, Wahren, dem "Sinn" - Don Juan als den, der in seinem Streben nach Lustgewinn und ständigem "Frischverliebtsein" im ehrlichen Sinne, seine Transzendenz, seinen "Sinn" gefunden hat und somit Faust gegenüber einen Vorsprung hat, auch weil er die Moral, der Faust noch stark verhaftet ist, als Instanz nicht mehr anerkennt.), bis hin zu Max Frisch, der in seinem "Don Juan, oder die Liebe zur Geometrie" Don Juan als einen wiederum Faust nicht unähnlichen Charakter vorstellt, der eigentlich auch nur auf der Suche nach einer unumstößlichen "Wahrheit" ist, etwas, was greifbar ist, ein Fixpunkt an dem er vielleicht selbst die Möglichkeit hat sich und sein unstetes Leben auszurichten: Die Geometrie! Ironie des Schicksals, daß er natürlich auch bei der Geometrie an Grenzen stößt, die das Rationale verlassen. Das ist, neben der häuslichen Situation des Ehemannes und des zukünftigen Vaters, aus der er nach einer vorgetäuschten Höllenfahrt nicht entkommen kann, Don Juans eigentliche Hölle! Wie Sie gemerkt haben dürfen sind die Stücke von Grabbe und Frisch zwei meiner Steckenpferde. Ich kann Ihnen nur wärmstens empfehlen, sich dieser beiden Stücke einmal anzunehmen und in ein paar ruhigen Stunden zu lesen. Es ist nicht nur äußerst unterhaltsam, sondern auch sprachlich ein Genuß. Don Juan als Psychopath: Natürlich hat auch die Psychologen die Persönlichkeit eines Don Juan gereizt. Als ich mich da auf die Suche machte, wurde ich auf den Artikel eines Gordon Banks aufmerksam, der die Figur des Don Juan unter dem Aspekt ausleuchtete, ihn als Psychopathen zu bezeichnen. Ich fand das so schlüssig, daß ich Ihnen eine kleine Zusammenfassung davon nicht vorenthalten möchte: Anfang des 19. Jh. Beginnen Doktoren über ein Phänomen zu berichten, das zunächst als "moralische Verrücktheit" bezeichnet wird. Es bezeichnet Menschen von gesundem Menschenverstand und Intellekt, die jedoch in Bezug auf moralische Fragen derangiert sind, keinen Sinn für falsch und richtig, keinerlei Schuldgefühl haben und eine verstärkte Tendenz zum Lügen und Betrügen an den Tag legen. Dabei sind sie oft von großem Charisma und Entscheidungskraft und darüber hinaus extrem furchtlos, aufgrund des Fehlens von gesunder Einschätzung von Situationen. Auffallend, daß solche Menschen oft die Gabe haben sich aus scheinbar ausweglosen Situationen hinaus zu manövrieren. Dies alles Beschreibungen, die in der modernen Psychatrie einen Psychopathen kennzeichnen. Was die Beziehungsfähigkeit des Psychopathen angeht, so möchte ich die pathologische Beschreibung fast wörtlich wiedergeben, weil ich denke, daß sie auf Don Juan in besonderem Maße zutrifft: Während der Psychopath Lust und Unlust an den Freuden hat, die menschliche Gesellschaft mit sich bringen, zeigen Analysen, daß er doch vollständig egozentrisch ist und andere Menschen nur zur Verbesserung seiner eigenen Lust oder seines Status benutzt. Während er nicht in der Lage ist echte Liebe zu "geben" ist durchaus in der Lage Liebe von manchmal sogar fanatischem Grad in anderen hervorzurufen. Er ist generell oberflächlich charmant und macht oft einen glänzenden Eindruck, als ob er von den nobelsten menschlichen Eigenschaften erfüllt wäre. Es gibt natürlich noch zahlreiche andere tiefenpsychologische Ausdeutungen, besonders in der Nachfolge Freuds, die Don Juans Ausschweifungen auf den Oedipus-Komplex zurückführen wollen, indem die vielen Frauen die eine Mutter ersetzen sollen und die vielen Nebenbuhler, die in Folge ausschaltet werden den einen unüberwindbaren eigenen Vater repräsentieren. Damit will ich Sie jetzt aber nicht langweilen, wenn bestimmt an allem auch etwas Wahres sein mag. Don Juan in der deutschen Dichtung: Wie ich vorhin schon andeutete haben sich die meisten Autoren in der Nachfolge Da Pontes sich um eine Charakterisierung Don Juans bemüht. E.T.A. Hoffmann hat sogar eine kleine Analyse in seinen Don Juan gepackt, wie Sie heute Abend noch hören werden. Einen interessanten Ansatz hatte auch Nikolaus Lenau, dessen kurzes Gedicht "Don Juan" übrigens die Grundlage zu Richard Strauss gleichnamiger Tondichtung bildete und das ich an das Ende dieses Blocks stellen möchte. Es nimmt einige Motive, wie den Blitz, der seit Goldoni aus der Überlieferung verschwunden war, wieder auf, benutzt sie aber nur zur Beschreibung der Psychologie des Juan - eine weitere Gemeinsamkeit der verschiedenen Bearbeitungen des Don Juan nach Mozart übrigens. Den Zauberkreis, den unermeßlich weiten, Von vielfach reizend schönen Weiblichkeiten Möcht´ ich durchzieh´n im Sturme des Genusses, Am Mund der Letzten sterben eines Kusses. O Freund, durch alle Räume möchte ich fliegen, Wo eine Schönheit blüht, hinknien vor jede Und, wär´s auch nur für einen Augenblick, siegen. Ich fliehe Überdruss und Lustermattung, Erhalte frisch im Dienste mich des Schönen, Die Einzle kränkend schwärm´ ich für die Gattung. Der Odem einer Frau, heut´ Frühlingsduft, Drückt morgen mich vielleicht wie Kerkerluft. Wenn wechselnd ich mit meiner Liebe wandre Im weiten Kreis der schönen Frauen, Ist meine Lieb´ an jeder eine andre; Nicht aus Ruinen will ich Tempel bauen. Ja! Leidenschaft ist immer nur die neue; Sie lässt sich nicht von der zu jener bringen, Sie kann nur sterben hier, dort neu entspringen. Und kennt sie sich , so weiß sie nichts von Reue . Wie jede Schönheit einzig in der Welt, so ist es auch die Lieb´, der sie gefällt. Hinaus und fort nach immer neuen Siegen, So lang der Jugend Feuerpulse fliegen! Es war ein schöner Sturm, der mich getrieben, Er hat vertobt und Stille ist geblieben. Scheintot ist alles Wünschen, alles Hoffen; Vielleicht ein Blitz aus Höh´n, die ich verachtet, hat tödlich meine Liebeskraft getroffen, Und plötzlich ward die Welt mir wüst, umnachtet; Vielleicht auch nicht; - Der Brennstoff ist verzehrt, Und kalt und dunkel ward es auf dem Herd. -Musik- |
(c) by Timothy Sharp 2000