Ein
durchdringendes Läuten, der gellende Ruf: "Das Theater fängt an!" weckte
mich aus dem sanften Schlaf, in den ich versunken war; Bässe brummen
durcheinander - ein Paukenschlag - Trompetenstöße - ein klares A, von
der Hoboe ausgehalten - Violinen stimmen ein: ich reibe mir die Augen.
Sollte der allezeit geschäftige Satan mich im Rausche - ? Nein! Ich
befinde mich in dem Zimmer des Hotels, wo ich gestern abend halb gerädert
abgestiegen. Gerade über meinen Nase hängt die stattliche Troddel der
Klingelschurn; ich ziehe sie heftig an, der Kellner erscheint.
"Aber was, ums Himmelswillen, soll die konfuse Musik da neber mir bedeuten?
Gibt es denn ein Konzert hier im Hause?"
"Ew. Exzellenz" - (ich hatte mittags an der Wirtstafel Champagner getrunken!)
"Ew. Exzellenz wissen vielleicht noch nicht, daß dieses Hotel mit dem
Theater verbunden ist. Diese Tapetentür führt auf einen kleinen Korridor,
von dem Sie unmittelbar in Nr. 23 treten: das ist die Fremdenloge".
"Was? - Theater? - Fremdenloge?"
"Ja, die kleine Fremdenloge zu zwei, höchstens drei Personen - nur so
für vornehme Herren, ganz grün tapeziert, mit Gitterfenstern, dicht
beim Theater! Wenn's Ew. Exzellenz gefällig ist - wir führen heute den
Don Juan von dem berühmten Herrn Mozart aus Wien auf. Das Legegeld,
einen Taler acht Groschen, stellen wir in Rechnung".
Das letzte sagte er, schon die Logentür aufdrückend, so rasch war ich
bei dem Worte Don Juan durch die Tapetentür in den Korridor geschritten.
Das Haus war, für den mittelmäßigen Ort, geräumig, geschmackvoll verziert
und glänzend erleuchtet. Logen und Parterre waren gedrängt voll. Die
ersten Akkorde der Ouvertüre überzeugten mich, daß ein ganz vortreffliches
Orchester, sollten die Sänger auch nur im mindesten etwas leisten, mir
den herrlichsten Genuß des Meisterwerks verschaffen würde. - In dem
Andante ergriffen mich die Schauer des furchtbaren, unterirdischen regno
all pianto; grausenerregende Ahnungen des Entsetzlichen erfüllten mein
Gemüt. Wie ein jauchzender Frevel klang mir die jubelnde Fanfare im
siebenten Takte des Allegro; ich sah aus tiefer Nacht feurige Dämonen
ihre glühenden Krallen ausstrecken - nach dem Leben froher Menschen,
die auf des bodenlosen Abgrunds dünner Decke lustig tanzten. Der Konflikt
der menschlichen Natur mit den unbekannten, gräßlichen Mächten, die
ihn, sein Verderben erlauernd, umfangen, trat klar vor meines Geistes
Augen. Endlich beruhigt sich der Sturm; der Vorhang fliegt auf. Frostig
und unmutvoll in seinen Mantel gehüllt, schreitet Leporello in finstrer
Nacht vor dem Pavillon einher: "Notte e giorno faticar" - Also italienisch?
- Hier am deutschen Orte italienisch? Ah che piacere! Ich werde alle
Rezitative, alles so hören, wie es der große Meister in seinem Gemüt
empfing und dachte! Da stürzt Don Juan heraus; hinter ihm Donna Anna,
bei dem Mantel den Frevler festhaltend. Welchen Ansehn! Sie könnte hörer,
schlanker gewachsen, majestätischer im Gange sein: aber welch ein Kopf!
- Augen, aus denen Liebe, Zorn, Haß, Verzweiflung, wie aus einem
Brennpunkt eine Strahlenpyramide blitzender Funken werfen, die, wie
griechisches Feuer, unauslöschlich das Innerste durchbrennen! Des dunklen
Hares aufgelöste Flechten wallen in Wellenringeln dan Nacken hinab.
Das weiße Nachtkleid enthüllt verräterisch nie gefahrlos belauschte
Reize. Von der entsetzlichen Tat umkrallt, zuckt das Herz in gewaltsamen
Schlägen. - Und nun - welche Stimme! "Non sperar se non m'uccidi." -
Durch den Sturm der Instrumente leuchten, wie glühende Blitze, die aus
ätherischem Metall gegossenen Töne! - Vergebens sucht sich Don Juan
loszureißen. - Will er es denn? Warum stößt er nicht mit kräftiger Faust
das Weib zurück und entflieht? Macht ihn die böse Tat kraftlos, oder
ist es der Kampf von Haß und Liebe im Innern, der ihm Mut und Stärke
raubt? - Der alte Papa hat seine Torheit, im Finstern den kräftigen
Gegner anzufallen, mit dem Leben gebüßt; Don Juan und Leporello treten
im rezitierenden Gespräch weiter vor ins Proszenium. Don Juan wickelt
sich aus dem Mantel, und steht da in rotem, gerissenen sammet mit silberner
Stickerei, prächtig gekleidet. Eine kräftige, herrliche Gestalt: das
Gesicht is männlich schön; eine erhabene Nase, durchbohrende Augen,
weich geformte Lippen; das sonderbare Spiel eines Strinmuskels über
den Augenbrauen bringt sekundenlang etwas Vom Mephistopheles in die
Physiognomie, das ohne dem Gesicht die Schönheit zu rauben, einen unwillkürlichen
Schauer erregt. Es ist, als könne er die magische Kunst der Klapper
schlange üben; es ist, als könnten die Weiber, von ihm angeblickt, nicht
mehr von ihm lassen, und müßten,von der unheimlichen gwalt gepackt,
selbst ihr Verderben vollenden. - Lang und dürr, in rot - und weißgestreifter
Weste, kleinem roten Mantel, weißen Hut mit roter Feder, trippelt Leporello
um ihn her. Die Züge seines Gesichts mischen sich seltsam zu dem Ausdruck
von Gutherzigkeit, Schelmerei, Lüsternheit und ironisierender Frechheit;
gegen das grauliche Kopf - und Bathaar stechen seltsam die schwarzen
Augenbrauen ab. Man merkt es, der alte Bursche verdient Don Juans helfender
Diener zu sein. - Glücklich sind sie über die Mauer geflüchtet. - Fackeln
- Donna Anna und Don Ottavio erscheinen: ein zierliches, geputztes,
gelecktes Männlein, von einundzwanzig Jahren höchstens. Als Annas Bräutigam
wohnte er, da man ihn so schnell herbeirufe konnte, wahrscheinlich im
Hause; auf den ersten Lärm, den er gewiß hörte, hätte er herbeieilen
und vielleicht den Vater retten können: er mußte sich aber erst putzen,
und mochte überhaupt nachts nicht gern sich herauswagen. - "Ma qual
mai s'offre, o dei, spettacolo funesto agli occhi miei!" Mehr als Verzweiflung
über den grausamsten Frevel liegt in den entsetzlichen, herzzerschneidenden
Tönen dieses Rezitativs und Duetts. Don Juans gewaltsames Attentat,
das ihm Verderben nur drohte, dem Vater aber den Tod gab, ist es nicht
allein, was diese Töne der beängsteten Brust entreißt: nur ein verderblicher,
tötender Kampf im Innern kann sie hervorbringen.
Eben schalt die lange, hagere Donna Elvira mit sichtlichen Spuren Großer,
aber verblühter Schönheit, den Verräter, Don Juan: "Tu nido d'inganni",
und der mitleidige Leporello bemerkte ganz klug: "Parla come un libro
stampato", als ich jemand neben oder hinter mir zu bemerken glaubte.
Leicht konnte man die Logentür hinter mir geöffnet haben und hineingeschlüpft
sein - das fuhr mir wie ein Stich durchs Herz. Ich war so glücklich,
mich allein in der Loge zu befinden, um ganz ungestört das so vollkommen
dargestellte Meisterwerk mit allen Empfindungsfasern, wie mit Polypenarmen,
zu umklammern, und in mein Selbst hineinzuziehen! Ein einziges Wort,
das obendrein albern sein konnte, hätte mich auf eine schmerzhafte Weise
herausgerissen aus dem herrlichen Moment der poetisch-musikalischen
Begeisterung! Ich beschloß, von meinem Nachbar gar keine Notiz zu nehmen,
sondern, ganz in die Darstellung vertieft, jedes Wort, jeden Blick zu
vermeiden. Den kopf in die Hand gestützt, dem Nachbar den Rücken wendend,
schauete ich hinaus. - Der Gang der Darstellung entsprach dem vortrefflichen
Anfange. Die kleine, lüsterne, verliebte Zerlina tröstete mit gar lieblichen
Tönen und Wiesen den gutmütigen Tölpel Masetto. Don Juan sprach sein
inneres, zerrissenes Wesen, den Hohn über die Menschlein um ihn her,
nur aufgellst zu seiner Lust, in ihr Mattliches Tun und Treiben verderbend
einzugreifen, in der wilder Arie: "Fin ch'han del vino" - ganz unverhohlen
aus.Gewaltiger als bisher zett ist ein Gebet, das in rein glänzenden
Strahlen zum Himmel steigt. - Nun fliegt der Mittelvorhang auf. Da geht
es lustig her; Becher erklingen, in fröhlichem Gewühl wälzen sich die
Bauern und allerlei Masken umher, die Don Juans Fest herbeigelockt hat.
- Jetzt kommen die drei zur Rache Verschwornen. Alles wird feierlicher,
bis der Tanz angeht. Zerlina wird gerettet, und in dem gewaltig donnernden
Finale tritt mutig Don Juan mit gezogenem Schwert seinen Feinden entgegen.
Er schlägt dem Bräutigam den stählernen Galanterie-Degen aus der Hand,
und bahnt sich durch das gemeine Gesindel, das er, durcheinander wirft,
daß alles gar possierlich übereinander purzelt, den Weg Freie.
Schon oft glaubte ich dicht hinter mir einen zarten, warmen Hauch gefühlt,
das Knistern eines seidenen Gewandes gehört zu aben: das ließ mich wohl
die Gegenwart eines Frauenzimmers ahnen, aber ganz versunken in die
poetische Welt, die mir die Oper aufscholß, achtete ich nicht darauf.
Jetzt, da der Vorhang gefallen war, schauete ich nach meiner Nachbarin.
- Nein - keine Worte drücken mein Erstaunen aus: Donna Anna, ganz in
dem Kostüme, wie ich sie eben auf dem Theater gesehen, stand hinter
mir, und richtete auf mich den durchdringenden Blick ihres seelenvolle
Auges. - Ganz sprachlos starrte ich sie an; ihr Mund (so schien es mir)
verzog sich zu einem leisen, ironischen Lächeln, in dem ich mich spiegelte
und meine alberne Figur erblickte. Ich fühlte die Notwendigkeit, sie
anzureden, und konnte doch die, durch das Erstaunen, ja ich möchte sagen,
wie durch den Schreck gelähmte Zunge nicht bewegen. Endlich, endlich
fuhren mir,beinahe unwillkürlich, die Worte heraus: "Wie ist es möglich,
Sie hier zu sehen?" worauf sie sogleich in dem reinsten Toskanisch erwiderte,
daß, verstände und spräche ich nicht Italienisch, sie das Vergnügen
meiner Unterhaltung entbehren müsse, indem sie keine andere, als nur
diese Sprache rede. - Wie Gesang laueten die süßen Worte. Im Sprechen
erhöhte sich der Ausdruck des dunkelblauen Auges, und jeder daraus leuchtende
Blitz goß einen Glutstrom in mein Inneres, von dem alle Pulse stärker
schlugen und alle Fibern erzuckten. - Es war Donna Anna unbezweifelt.
Die Möglichkeit abzuwägen, wie sie auf dem Theater und in meiner Loge
habe zugleich sein können, fiel mir nicht ein. So wie der glückliche
Traum das Seltsamste verbindet, und dann ein frommer Glaube das Übersinnliche
vesteht, und es den sogenannten nat:urlichen Erscheinungen des Lebens
zwanglos anreiht: so geriet aich auch in der Nähe des wunderbaren Weibes
in erkannte, die mich so innig mit ihr verbanden, daß sie selbst bei
ihrer Erscheinung auf dem Theater nicht hatte von mir weichen können.
- Wie gern setzte ich dir, mein Theodor, jedes wort des merkwürdigen
Gesprächs her, das nun zwischen der Signora und mir begann: allein,
indem ich das, was sie leicht und mit Anmut toskanisch sagte.
Indem sie über den Don Juan, über ihre Rolle sprach, war es, als öfftenet
sich mir nun erst die Tiefen des Meisterwerks, und ich konnte hell hineinblicken
und einer fremden Welt fantastische Erscheinungen deutlich erkennen.
Sie sagte, ihr ganzes Leben sei Musik, und oft glaube sie manches im
Innern geheimnisvoll Verscholssene, was keine Worte aussprächen, singend
zu begreifen. "Ja, ich begreife es dann wohl", fuhr sie mit brennendem
Auge und erhöheter Stimme fort: "aber es bleibt tot und kalt um mich,
und indem man eine schwierige Roulade, eine gelungene Manier beklatsch,
greifen eisige Hände in mein glühendes Herz! - Aber du - du vertehst
mich: denn ich weiß, daß auch dir das wunderbare, romantische
Reich aufgegangen, wo die himmlischen Zauber der Töne wohnen!"
"Wie, du herrliche, wundervolle Frau - - du - du solltest mich kennen?"
"Ging nicht der zauberische Wahnsinn ewig sehnender Liebe in der Rolle
der *** in deiner neuesten Oper aus deinem Innern hervor? - Ich habe
dich verstanden: dein Gemüt hat sich im Gesange mir aufgschlossen! -
Ja, (hier nannte sie meinen Vornamen) ich habe dich gesungen,
so wie deine Melodien ich sind".
Die Theaterglockte läutete: eine schnelle Blässe entfärbte Donna Annas
ungeschminktes Gesicht; sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen, als empfände
sie einen plötzlichen Schmerz, und indem sie leise sagte: "Unglückliche
Anna, jetzt kommen deine fürchterlichsten Momente" - war sie aus der
Loge verschwunden.
Der erste Akt hatte mich entzückt, aber nach dem wunderbaren Ereignis
wirkte jetzt die Musik auf eine ganz andere, seltsame Weise. Es war,
als ginge eine lang verheißene Erfüllung der schönsten Träume aus einer
andern Welt wirklich in das Leben ein; als würden die geheimstein Ahnungen
der entzückten Seele in Tönen festgebannt und müßten sich zur wunderbarsten
Erkenntnis seltsamlich gestalten. - In Donna Annas Szene fühlte ich
mich von einem sanften, warmen Hauch, der über mich hinwegglitt, in
trunkener Wollust erbeben; unwillkürlich schlossen sich meine Augen
und ein glühender Kuß schien auf meinen Lippen zu brennen: aber der
Kuß war ein, wie von ewig dürstender Sehnsucht lang ausgehaltener Ton.
Das Finale war in frevelnder Lustigkeit angegangen: "Già la mensa è
preparata!" - Don Juan saß kosend zwischen zwei Mädchen, und lüftete
einen Kork nach dem andern, um den Brausenden Geistern, die hermetischverschlossen,
freie Herrschaft über sich zu verstatten. Es war ein kurzes Zimmer mit
einem großen gotischen Fenster im Hintergrunde, durch das man in die
Nacht hinaussah. Schon während Elvira den Ungetreuen an alle Schwüre
erinnert, sah man es oft durch das Fenster blitzen, und hörte das dumpfe
Murmeln des herannahenden Gewitters. Endlich das gewaltige Pochen. Elvira,
die Mädchen entfliehen, und unter den entsetzlichen Akkorden der unterirdischen
Geisterwelt, tritt der gewaltige Marmorkoloß, gegen den Don Juan pygmäisch
dasteht, ein. Der Boden erbebt unter des Riesen donnernden Fußtritt.
- Don Juan ruft durch den Sturm, durch den Donner, durch das Geheul
der Dämonen, sein fürchterliches: "No!" die Stunde des Untergangs ist
da. Die Statue verschwindet, dicker Qualm erfüllt das Zimmer, aus ihm
entwickeln sich fürchterliche Larven. In Qualen der Hölle windet sich
Don Juan, den man dann und wann unter den Dämonen erblickt. Eine Explosion,
wie wenn tausend Blitze einschlügen -: Don Juan, die Dämonen, sind verschwunden,
man weiß nicht wie! Leporello liegt ohnmächtig in der Ecke des Zimmers.
- Wie wohltätig wirkt nun die Erscheinung der übrigen Personen, die
den Juan, der von unterirdischen Mächten irdischer Rache entzogen, vergebens
suchen. Es ist, als wäre man nun est dem furchtbaren Kreise der hölischen
Geister entronnen. - Donna Anna erschien ganz verändert: eine Totenblässe
überzog ihr Gesicht, das Auge war erloschen, die Stimme zitternd und
ungleich: aber eben dadurch in dem kleinen Duett mit dem süßen Bräutigam,
der nun, nachdem ihn der Himmel des gefährlichen Rächer-Amts glücklich
überhoben hat, gleich Hochzeit machen will, von herzzerreißender Wirkung.
Der fugierte Chor hatte der Werk herrlich zu einem Ganzen geründet,
und ich eilte, in der exaltiertesten Stimmung, in der ich mich je befunden,
in mein Zimmer. Der Kellner rief mich zur Wirtstafel, und ich folgte
ihm mechanisch. - Die Gesellschaft war, der Messe wegen, glänzend, und
die heutige Darstellung des Don Juan der Gegenstand des Gesprächs. Man
pries im allgemeinen die Italiener und das Eingreifende ihres Spiels:
doch zeigten kleine Bemerkungen, die hier und da ganz schalkhaft hingeworfen
wurden, daß wohl keiner die tiefere Bedeutung der Oper aller Opern auch
nur ahnte. - Don Ottavio hatte sehr gefallen. Donna Anna war einem zu
leidenschaftlich gewesen. Man müsse, meinte er, auf dem Theater sich
hübsch mäßigen und das zu sehr Angreifende vermeiden. Die Erzählung
des Überfalls habe ihn ordentlich konsterniert. Hier nahm er eine Prise
Tabak und schaute ganz unbeschreiblich dummklug seinen Nachbar an, welcher
behauptete: die Italienerin sei aber übrigens eine recht schöne Frau,
nur zu wenig besorgt um Kleidung und Putz; eben in jener Szene sei ihr
eine Haarlocke aufgegangen, und habe das Demi-Profil des Gesichts beschattet!
Jetzt fing ein anderer ganz leise zu intonieren an: "Fin ch'an dal vino"
- worauf eine Dame bemerkte, am wenigsten sei sie mit dem Don Juan zufrieden:
der Italiener sei viel zu finster, viel zu ernst gewesen, und habe überhaupt
den frivolen, luftigen Charakter nicht leicht genug genommen. - Die
letzte Explosion wurde sehr gerümt. - Des Gewäsches satt eilte ich in
mein Zimmer.
In
der Fremdenloge Nro. 23
Es
war mir so eng, so schwül in dem dumpfen Gemach! - Um Mitternacht glaubte
ich deine Stimme zu hören, mein Theodor! Du sprachts deutlich meinen
Namen aus, und es schien an der Tapetentür zu rauschen. Was hält mich
ab, den Ort meines wunderbaren Abenteuers noch einmal zu betreten? -
Vielleicht sehe ich dich und sie, die mein ganzes Wesen erfüllt! Wie
leicht ist es, den kleinen Tisch hineinzutragen - zwei Lichter - Schreibzeug!
Der Kellner sucht mich mit dem berstellten Punsch; er findet das Zimmer
leer, die Tapetentür offen: er folgt mir in die Loge und sieht mich
mit zweifelndem Blick an. Auf meinen Wink setzt er das Getränk auf den
Tisch und entfernt sich, mit einer Frage auf der Zunge noch einmal sich
nach mir umschauend. Ich lehne mich, ihm den Rücken wendend, über der
Loge Rand, und sehe in das verödete Haus, dessen Architektur, von meinen
beiden Lichtern magisch beleuchtet, in wunderlichen Reflexen fremd und
feenhaft hervorspringt. Den Vorhang bewegt die das Haus durchschneidende
Zugluft. - Wie wenn er hinaufwallte? Wenn Donna Anna, geängstet von
gräßlichen Larven, erschiene? - "Donna Anna!" rufe ich unwillkürlich:
der Ruf verhallt in dem öden Raum, aber die Geister der Instrumente
im Orchester werden wach - ein wunderbarer Ton zittert herauf; es ist
als säusle in ihm der geliebte Name fort! - Nicht erwehren kann ich
mich des heimlichen Schauers, aber wohltätig durchbebt er meine Nerven.
Ich werde meiner Stimmung Herr, und fühle mimch aufgelegt, dir, mein
Theodor! Wenigstens anzudeuten, wie ich jetzt erst das herrliche Werk
des göttlichen Meisters in seiner tiefen Charakteristik richtig aufzufassen
glaube. - Nur der Dichter versteht den Dichter; nur ein romantisches
Gemüt kann eingehen in das Romantische; nur der poetisch exaltierte
Geist, der mitten im Tempel die Weihe empfing, das verstehen, was der
Geweihte in der Begeisterung ausspricht. - Betrachtet man das Gedicht
(den Don Juan), ohne ihm eine tiefere Bedeutung zu geben, so daß man
nur das Geschichtliche in Anspruch nimmt: so ist es kaum zu begreifen,
wie Mozart eine solche Musik dazu denken und dichten konnte. Ein Bonvivant,
der Wein und Mädchen über die Maßen liebt, der mutwilligerweise den
steinernen Mann als Repräsentanten des alten Vaters, den er bei Verteidigung
seines eigenen Lebens niederstach, zu seiner lustigen Tafel bittet -
wahrlich, hierin liegt nicht viel Poetisches, und ehrlich gestanden,
ist ein solcher Mensch es wohl nicht wert, daß die unterirdischen Mächte
ihn als ein ganz besonderes Kabinetts stück der Hölle auszeichnen; daß
der steinerne Mann, von dem verklärten Geiste beseelt, sich bemüht vom
Pferde zu steigen um den Sünder vor dem letzten Stündlein zur Buße zu
ermahnen; daß endlich der Teufel seine besten Gesellen ausschickt, um
den Transport in sein Reich auf die gräßlichste Weise zu veranstalten.
- Du kannst es mir glauben, Theodor! Den Juan stattete die Natur, wie
ihrer Schoßkinder liebstes, mit alle dem aus, was den Menschen, in näherer
Verwandtschaft mit dem Göttlichen, über den gemeinen Troß, über die
Fabrikarbeiten, die als Nullen, vor die, wenn sie gelten sollen, sich
erst ein Zähler stellen muß, aus der Werkstätte geschleudert werden,
erhebt; was ihn bestimmt zu besiegen, zu herrschen. Ein kräftiger, herrlicher
Körper, eine bildung, woraus der Funke hervorstrahlt, der, die Ahnungen
des Höchsten, worin er seine göttliche Natur ausspricht, böse Fallstricke
zu legen. Dieser Konflikt der göttlichen und der dämonischen Kräfte
erzeugt den Begriff des irdischen, sowie der erfochtene Sieg den Begriff
des überirdischen Lebens. - Den Juan beigesterten die Ansprüche auf
das Leben, die seine köperliche und geistige Organisation herbeifürte,
und ein ewiges brennendes Sehnen, von dem sein Blut siedend die Adern
durchfloß, trieb ihn, daß er gierig und ohne Rast alle Erscheinungen
der irdischen Welt aufgriff, in ihnen vergebens Befriedigung hoffend!
- Es gibt hier auf Erden wohl nichts, was den Menschen in seiner innigsten
Natur so hinaufsteigert, als die Liebe; sie ist es, die so geheimnisvoll
sun so gewaltig wirkend, die innersten Elemente des Daseins zerstört
und verklärt; was Wunder also, daß Don Juan in der Liebe die Sensucht,
die seine Brust zerreißt, zu stillen hoftte, und daß der Teufel hier
ihm die schlinge über den Hals warf? In Don Juans Gemüt kam durch des
Erbfeindes List der Gedanke, daß durch die Liebe, durch den Genuß des
Weibes, schon auf Erden das erfüllt werden könne, was bloß als himmlische
Verheißung in unserer Brust wohnt, und eben jene unendliche Sensucht
ist, die uns mit dem Überirdischen in unmittelbaren Rapport setzt. Vom
schönen Weibe zum schönern rastlos fliehend; bis zum Überdruß, bis zur
zerstörenden Trunkenheit ihrer Reize mit der glühendsten Inbrust genießend;
immer in der Wahl sich betrogen glaubend, immer hoffend, das Ideal endlicher
Befriedigung zu finden, und indem er überhaupt den Menschen verachtete,
lehnte er sich auf gegen die Erscheinung, die, ihm als das Höchste im
Leben geltend, so bitter ihn getäuscht hatte. Jeder Genuß des Weibes
war nun nicht mehr Befriedigung seiner Sinnlichkeit, sondern frevelnder
Hohn gegen die Natur und den Schöpfer. Tiefe Verachtung der gemeinem
Ansichten des Lebens, über die er sich erhoben fühlte, und bitterer
Spott über Menschen, die in der glücklichen Liebe, in der dadurch herbeigeführten
bürgerlichen Vereinigung, auch nur im mindesten die Erfüllung der höheren
Wünsche, die die Natur feindselig in unsere Brust legte, erwarten konnten,
trieben ihn an, da vorzüglich sich aufzulehnen, und, Verderben
bereitend, dem unbekannten, schicksallenkenden Wesen, das ihm wie ein
schadenfrohes, mit den kläglichen Geschöopfen seiner spottenden Laune
ein grausames Spiel treibendes Ungeheuer erschien, kühn entgegenzutreten,
wo von einem solchen Verhältnis die Rede war. - Jede Verführung einer
geliebten Braut, jedes durch einen gewaltigen, nie zu verschmerzendes
Unheil bringenden Schlag gestörte Glück der Liebenden ist ein herrlicher
Triumph über jene feindliche Macht, der ihn immer mehr hinaushebt aus
dem beengenden Leben - über die Natur - über den Schöpfer! - Er will
auch wirlich immer mehr aus dem Leben, aber nur um hinabzustürzen in
den Orkus. Annas Verführung, mit den dabei eingetretenen Umständen,
ist die höchste Spitze, zu der er sich erhebt.
Donna Anna ist, rücksichtlich der höchsten Begünstigungen der Natur,
dem Don Juan entgegengestellt. So wie Don Juan ursprünglich ein wunderbar
kräftiger, herrlicher Mann war, so ist sie ein göttliches Weib, über
deren reines Gemüt der Teufel nichts vermochte. Alle Kunst der Hölle
konnte nur sie irdisch verderben. - Sowie der Satan dieses Verderben
vollendet hat, durfte auch, nach der Fügung des Himmels, die Hölle die
Vollstreckung des Rächeramts nicht länger verschieben. - Don Juan ladet
den erstochenen Alten höhnend im Bilde ein zum lustigen Gastmahl, und
der verklärte Geist, nun erst den gefallnen Manschen durchschauend und
sich um ihn betrübend, verschmät es nicht, in furchtbarer Gestalt ihn
zu Buße zu ermahnen. Aber so verderbt, so zerrissen ist sein Gemüt,
daß auch Seele wirft und ihn zum bessern Sein entzündet!
Gewiß ist es dir, mein Theodor, aufgefallen, daß ich von Annas Verführung
gesprochen; und so gut ich es in dieser Stunde, wo tief aus dem Gemüt
hervorgehende Gedanken und Ideen die Worte überflügeln, vermag, sage
iich dir mit wenigen Worten, wie mir in der Musik, ohne alle Rücksicht
auf den Text, das ganze Verhältnis der beiden im Kampf begriffenen naturen
(Don Juan und Donna Anna) erscheint. - Schon oben äußerte ich, daß Anna
dem Juan gegenübergestellt ist. Wie, wenn Donna Anna vom Himmel dazu
bestimmt gewesen wäre, den Juan in der Liebe, die ihn durch de Satans
Künste verdarb, die ihm inwohnende göttliche Natur erkennen zu lassen,
und ihn der Verzweiflung seines nichtigen Strebens zu entreißen? - Zu
spät, zur Zeit des höchstens Frevels, sah er sie, und da konnte ihn
nur die teuflische Lust erfüllen, sie zu verderben. - Nicht gerettet
wurde sie! Als er hinausfloh, war die Tat geschehen. Das Feuer einer
übermenschlichen Sinnlichkeit, Glut aus der Hölle, durchströmte ihr
Innerstes, und machte jeden Widerstand vergeblich. Nur er, nur
Don Juan konnte den wollüstigen Wahnsinn in ihr entzünden, mit dem sie
ihn umfing, der mit der übermächtigen, zerstörenden, Wut höllischer
Geister im Innern sündigte. Als er nach vollendeter Tat entfliehen wollte,
da umschlang, wie ein gräßliches, giftigen Tod sprühendes Ungeheuer,
sie der Gedanke ihres Verderbens mit folternden Qualen. - Ihres Vaters
Fall durch Don Juans Hand, die Verbindung mit dem kalten, unmännlichen,
ordinären Don Ottavio, den sie einst zu lieben glaubte - selbst die
im Innersten ihres Gemüts in verzehrender Flamme wütende Liebe, die
in dem Augenblick des höchsten Genusses aufloderte, und nun, gleich
der Glut des vernichtenden Hasses brennt: alles dieses zerreißt ihre
Brust. Sie fühlt, nur Don Juans Untergang kann der, von tödlichen Martern
beängsteten Seele Ruhe verschaffen; aber diese ist ihr eigner irdischer
Untergang. - Sie fordert daher unablässig ihren eiskalten Bräutigam
zur Rache auf; sie verfolgt selbst den Verräter, und erst als ihn die
unterirdischen Mächte in den Orkus hinabgezogen haben, wird sie ruhiger
- nur vermag sie nicht dem hochzeitlustigen Bräutigam nachzugeben: "Lascia,
o caro, un anno ancora, allo sfogo del mio cor!" Sie wird dieses Jahr
nicht überstehen; Don Ottavio wird niemals die umarmen, die ein
frommes Gemüt davon rettete, des Satans geweihte Braut zu bleiben.
Wie lebhaft im Innersten meiner Seele fühlte ich alles dieses in den,
die Brust zerreißenden, Akkorden des ersten Rezitativs und der Erzählung
von dem nächtlichen Überfall! - Selbst die Szene der Donna Anna im zweiten
Akt: "Crudele", die, oberflächlich betrachtet, sich nur auf den Don
Ottavio bezieht, spricht in geheimen Anklängen, in den wunderbarsten
Beziehungen, jene innere, alles irdische Glück verzehrende Stimmung
der Seele aus. Was soll selbst in den Worten der sonderbare, von dem
Dichter vielleicht unbewußt hingeworfene Zusatz:
"Forse
un giorno il cielo ancora sentirà pietà di me!"
Es
schlägt zwei Uhr! - Ein warmer elektrischer Hauch gleitet über mich
her - ich empfinde den leisen Geruch feinen italienisches Parfüms, der
gestern zuerst mir die Nachbarin vermuten ließ; mich umfängt ein seliges
Gefühl, das ich nur in Tönen aussprechen zu können glaube. Die luft
streicht heftiger durch das Haus - die Saiten des Flügels im Orchester
rauschen - Himmel! Wie aus weiter Ferne, auf den Fittigen schwallender
Töne eines luftigen Orchesters getragen, glaube ich Annas Stimme zu
hören; "Non mi dir bell'idol mio!" - Schließe dich auf, du fernes, unbekanntes
Geisterreich - du Dschinnistan voller Herrlichkeit, wo ein unaussprechlicher,
himmlischer Schmerz, wie die unsäglichste Freude, der entzückten Seele
alles auf Erden Verheißene über alle Maßen erfüllt! Laß mich eintreten
in den Kreis deiner holdseligen Erscheinungen! Mag der Traum, den du,
bald zum Grausen erregenden, bald zum freundlichen Boten an den irdischen
Menschen erkoren - mag er meinen Geist, wenn der Schlaf den Körper in
bleiernen Banden festhält, den ätherischen Gefilden zuführen!
Gespräch
des Mittags an der Wirtstafel, als Nachtrag
Kluger
Mann mit der Dose, stark auf den Deckel derselben schnippend: Es
ist doch fatal, daß wir nun so bald keine ordentliche Oper mehr hören
werden! Aber das kommt von dem häßlichen Übertreiben!
Mulatten-Gesicht: Ja ja! Hab's ihr oft genug gesagt! Die Rolle
der Donna Anna griff sie immer ordentlich an! - Gestern war sie vollends
gar wie besessen. Den ganzen Zwischenakt hindurch soll sie in Ohnmacht
gelegen haben, und in der Szene im zweiten Akt hatte sie gar Nervenzufälle
-
Unbedeutender: O sagen Sie - !
Mulatten-Gesicht: Nun ja! Nervenzufälle, und war doch wahrlich
nicht vom Theater zu bringen.
Ich Um des Himmels willen - die Zufälle sind doch nicht von Bedeutung?
Wir hören doch Signora bald wieder?
Kluger Mann mit der Dose, eine Prise nehmend: Schwerlich, denn
Signora ist heute morgens Punkt zwei Uhr gestorben.
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